Forschung mit menschlichem Gewebe – Grundlage für den Fortschritt in der Medizinforschung
Vor wenigen Tagen feierte die HTCR-Stiftung ihr 25-jähriges Jubiläum. Seither sind es nicht mehr nur Leberzellen, die von der Gewebebank zur Verfügung gestellt werden, sondern Blut, Haut, Fett oder Tumor- und Entzündungsgewebe. „Die Forschung mit menschlichem Gewebe und Zellen hat in diesen 25 Jahren einen großen Wandel vollzogen und gleichzeitig immer mehr Bedeutung für Krankheitsverständnis, Diagnostik mit Biomarkern und personalisierte Therapieansätze bekommen“, sagt Prof. Karl-Walter Jauch, heutiger Stiftungsvorstand. Prof. Dr. Wolfgang Thasler, heute Chefarzt im Rotkreuzklinikum in München und Vorsitzender des Stiftungsrates, betont: „Entscheidende Fortschritte in der Weiterentwicklung personalisierter Diagnostik und Therapie braucht menschliche Bioproben und Patientendaten.“
Beim Symposium am 14. Mai im St.-Vinzenz-Haus des LMU Klinikums am Campus Innenstadt wurde insbesondere darauf hingewiesen, dass Forschung nicht nur Grundlagenerkenntnisse bedeutet. Die Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen sei unentbehrlich, schließlich haben diese Firmen hoch entwickeltes Know-how und die finanziellen Ressourcen, um aus dem in der Forschung generierten Wissen konkrete Produkte, etwa Diagnostikverfahren oder Medikamente, zu entwickeln. Heutige Partner sind unter anderem Roche, Boehringer Ingelheim oder Daichii-Sankyo sowie weitere Unternehmen.
Prof. Dr. Thomas Gudermann, Dekan der Medizinischen Fakultät der LMU, bestätigt die Bedeutung der Zusammenarbeit: „Die kritische Prüfung der Gewebe-/Zellkulturtechnologien bis hin zur Stammzellforschung und Hybridomen in Verbindung mit genetischen und molekularen Omics-Techniken ist ein Paradebeispiel für die multidisziplinäre Zusammenarbeit über Institutionen hinweg. Nur in Zusammenarbeit zwischen universitärer und extrauniversitärer Forschung bis hin zu Start-Ups und den forschenden pharmazeutischen Unternehmen werden bedeutende Fortschritte ermöglicht.“
Impressionen vom Symposium zu 25 Jahre HTCR-Stiftung
Qualität und Vertrauen sind die wichtigsten Währungen von Biobanken
Zugleich tragen diese Methoden weiter dazu bei, die Zahl erforderlicher Tierversuche zu reduzieren, so Gudermann: „Die FDA (U.S. Food and Drug Administration) hat in den letzten Jahren konkrete Schritte unternommen, um Tierversuche in der Arzneimittelentwicklung zu reduzieren, zu verbessern oder zu ersetzen. Ein zentrales Beispiel dafür ist das New Alternative Methods Program (NAMs), das Teil der größeren Strategie der FDA zur Förderung von tierversuchsfreien Ansätzen ist.“
Prof. Dr. Markus M. Lerch, Ärztlicher Direktor des LMU Klinikums und Vorstandsvorsitzender bilanziert: „HTCR ist eine der nachhaltigsten Ressourcen für die Biomedizin, die von Prof. Karl-Walter Jauch vor 25 Jahren als Stiftung aus der Taufe gehoben wurde. Die Forschenden am LMU Klinikum und anderswo profitieren noch heute in großem Umfang davon. Sie ist Vorbild und Maßstab für viele Biobanken, Gewebesammlungen und das Rückgrat der LMU MedBiobank.“ Hier werden neben den Geweben und Zellen auch die entsprechenden Daten anonymisiert/pseudonymisiert gesammelt und stehen für Forschungsfragen zur Verfügung. „Die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche MedBiobank sind: die klinischen Daten der Patienten, ein strukturierter Prozess zur Speicherung und Auswertung sowie das Vertrauen der sammelnden Einrichtung von Daten und Bioproben in die Zusammenarbeit mit Partnern“, so Lerch.
Prof. Dr. Jens Werner, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am LMU Klinikum betonte den engen Zusammenhang zwischen Gewebespende der Patienten und Fortschritten in der Forschung, aber auch indirekt in der Patientenbehandlung.
Konkrete Beispiele stellten Dr. Mirjana Kessler, LMU Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, und PD Dr. Barbara Mayer, Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie, vor. Dabei geht es um winzig kleine Organe oder Tumore: Forschende nutzen derartige Organoide, um Krankheiten oder Medikamenten-Wirkungen zu erforschen. „Die Organoide spiegeln die ursprünglichen Eigenschaften der Organe oder Tumore eins zu eins wieder. Wir können sie dann unter dem Mikroskop beobachten und mit ihnen arbeiten“, sagt Dr. Mirjana Kessler, die mit ihrem Team zu Eierstockkrebs forscht und Organoidkulturen von genau diesem Tumor anlegt.
Der Vorteil daran? „Organoide reagieren genau wie Menschen auch, deshalb können wir ganz gezielt Medikamente auf den individuellen Patienten anpassen“, erklärt Dr. Barbara Mayer. Sie untersucht Tumore ebenfalls anhand von Organoiden und hat mit dem von ihr mit entwickelten System auch ein Unternehmen ausgegründet.
Die Veranstaltung war mit rund 160 Teilnehmenden gut besucht und ermöglichte neben der Information und Diskussion zu den Vorträgen und den am Abend verliehenen Posterpreisen an junge Nachwuchsforscherinnen und -forscher eine hervorragende Möglichkeit zum Netzwerken.