Der Kampf gegen resistente Tuberkulose
Herr Professor Hoelscher, wie groß ist das Problem der Tuberkulose heute?
Tuberkulose ist die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist chronisch infiziert. Etwa zehn Millionen Menschen erkranken jährlich aktiv, eine Million Menschen sterben.
Warum erkrankt nur ein Teil der Infizierten?
Weil unser Immunsystem einen Weg gefunden hat, die Bakterien einzuschließen. Es bildet ein sogenanntes Granulom, eine Art Mauer um den Erreger. Wenn das Immunsystem geschwächt ist, etwa durch schlechte Ernährung, Stress, Krebs oder HIV, kann das Granulom aufbrechen – man wird schwer krank. Gelangen die Bakterien darüber hinaus in die Atemwege, hustet der Patient sie aus und wird ansteckend.
Wie wirksam ist eine Therapie?
Unter einer Therapie ist eine offene Tuberkulose in den meisten Fällen innerhalb von acht Wochen nicht mehr ansteckend. Die Behandlung dauert aber standardmäßig sechs Monate, damit auch alle eingeschlossenen Bakterien im Körper abgetötet werden.
Was macht Tuberkulose heute besonders gefährlich?
Vor allem Resistenzen. Wir sehen gerade steigende Resistenzen gegen eines der wichtigsten Medikament, Bedaquilin. Verliert es seine Wirkung, bekommen wir ein riesiges Problem. Es bleiben uns aller Wahrscheinlichkeit nur noch wenige Jahre Zeit, um eine starke globale Ausbreitung dieser Resistenz zu verhindern.
"Tuberkulose ist die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist chronisch infiziert. Etwa zehn Millionen Menschen erkranken jährlich aktiv, eine Million Menschen sterben."
Michael Hoelscher
Sie arbeiten selbst schon lange an einem neuen Medikament gegen Tuberkulose.
Unser Medikament richtet sich gegen die multiresistente Tuberkulose MDR-TB, bei der die wichtigsten Standardantibiotika nicht mehr wirken. Demnächst starten wir die Phase 3 der Zulassungsstudie unseres Medikaments. Hat sie Erfolg, wären wir die erste Universität der Welt seit der Entdeckung und ersten Behandlung mit Penicillins vor über achtzig Jahren, die ein neues Antibiotikum gegen Tuberkulose zur Zulassung bringt.
Warum ist das so ungewöhnlich?
Ein neues Medikament bis zur Zulassung zu bringen, dauert in der Regel 10 bis 15 Jahre und braucht eine sehr spezielle Expertise, die Universitäten normalerweise scheuen, aufzubauen. Wir dagegen wollen beweisen, dass Universitäten auch Translation können – also den Übergang von der Entdeckung bis zum Patienten – hier liegt ein Großteil der Wertschöpfung.
Politisch ist es gewollt, für Anwendungen, die kein Blockbuster werden, unabhängiger von der Industrie zu sein; deswegen werden wir unter anderem von Freistaat Bayern, der Bundesregierung und der Europäischen Kommission finanziell unterstützt.
Welche Vorteile hat es, ein Medikament an einer Universität zu entwickeln?
Für eine global führende Universität liegen die Vorteile auf der Hand. Es stärkt den Standort, bestätigt das Renommee der Universität weltweit, wenn wir helfen, die tödlichste Infektionskrankheit der Welt zu behandeln. Indem wir die Medikamentenentwicklung selbst durchführen, sparen wir mindestens die Hälfte der Kosten ein, sind aber trotzdem genauso schnell. Und: Wir geben nicht so schnell auf wie die Industrie, die an der Forschung zu einer armutsbedingten Krankheit wie Tuberkulose nur begrenztes Interesse hat.
Wie realistisch ist der Erfolg Ihrer Studie?
Ich würde sagen, die Chance liegt derzeit bei etwa fünfzig Prozent.
"Es bleiben uns aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch wenige Jahre Zeit, um eine starke globale Ausbreitung dieser Resistenz zu verhindern."
Michael Hoelscher
Und wenn die Studie scheitert: Haben Sie trotzdem etwas gewonnen?
Auf jeden Fall. Wir nutzen unser Wissen über Translation bereits, um andere Medikamente und Impfstoffe weiterzubringen, etwa in Zusammenarbeit mit der TUM und Helmholtz Munich.
Warum ist die Entwicklung neuer Medikamente gegen Tuberkulose überhaupt so kompliziert?
Tuberkulose wird immer mit einer Kombination mehrerer Medikamente behandelt, meist vier gleichzeitig. Nur so lässt sich verhindern, dass Resistenzen entstehen. Deshalb müssen neue Medikamente immer in Kombination getestet werden. Uns ist es gelungen, auf der Plattform UNITE4TB alle Pharmafirmen und Entwickler neuer Tuberkulosemedikamente an einen Tisch zu bringen. In unseren Studien testen wir sieben konkurrierende Medikamente parallel. Das gab es bisher noch nie!
Wie häufig ist Tuberkulose in Deutschland?
Wir haben ungefähr 4000 Tuberkulosefälle pro Jahr. Das entspricht etwa fünf Fällen pro 100 000 Einwohner. Rund 75 Prozent der Betroffenen sind im Ausland geboren. Ein Land mit prozentual besonders vielen Fällen multiresistenter Tuberkulose ist die Ukraine. Weil dort ein Großteil der medizinischen Versorgung zusammengebrochen ist, können wir allerdings nur vermuten, dass die Zahlen gestiegen sind.
Wird die Erkrankung bei Geflüchteten ausreichend diagnostiziert?
Bei der Ankunft gibt es ein Screening. Viele der Geflüchteten haben sich aber erst auf der Flucht infiziert und dann kann es oft mehrere Monate dauern bis man die Erkrankung sicher diagnostizieren kann. Wir könnten die Diagnose also entscheidend verbessern, wenn wir die Menschen, die zu uns kommen nach 6 bis 12 Monaten noch einmal gesundheitlich untersuchen würden. Dies ist jedoch gesetzlich nicht vorgesehen. Allerdings kann ich auch beruhigen; sich in Deutschland anzustecken ist extrem unwahrscheinlich.
Wie sieht es mit Impfungen aus?
Die derzeitige Impfung schützt nur zu etwa 30 Prozent. Sie verhindert vor allem schwere Formen der Krankheit bei Kindern. Zur Zeit läuft eine Phase-III-Studie für einen neuen Impfstoff. Ein Impfstoff, der 80 Prozent Schutz böte, könnte ein Durchbruch sein. Allerdings bräuchten wir auch dann Medikamente. Derzeit sind ja 1,7 Milliarden Menschen infiziert, die behandelt werden müssen.
Sind die globalen Ziele zur Eindämmung der Tuberkulose noch realistisch? Die WHO hat 2015 beschlossen, die Krankheit bis 2030 weitestgehend zurückdrängen.
Das werden wir nicht erreichen. Immer wieder kommen Krisen dazwischen. Zum Beispiel Corona. Während der Pandemie wurden viele Screening-Programme eingestellt. Das hat uns vermutlich um Jahre zurückgeworfen.
Welche Auswirkungen hat der Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation WHO auf Ihre Arbeit?
Unsere Finanzierung ist gesichert. Aber natürlich verstärkt sich die Konkurrenz um Forschungsgelder, weil sich auch amerikanische Forschende um europäische Gelder bewerben. Programme zur Behandlung und Versorgung von Patientinnen und Patienten in Afrika geraten unter Druck. Auf diese Zusammenarbeit sind wir angewiesen. Aber jede Krise birgt auch eine Chance. Vielleicht übernehmen Länder des globalen Südens künftig mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheitsversorgung.
Wie anspruchsvoll ist die Etappe, die jetzt vor Ihnen liegt?
Medikamentenentwicklung ist extrem mühsam. Es ist ein bisschen wie ein Aufstieg auf den Kilimandscharo. Auf den letzten 1300 Höhenmeter, also ab 4.700 Metern wird alles schwierig: Wenig Luft, Höhenkrankheit, Erschöpfung. In genau dieser Phase sind wir gerade. Der Kopf schwirrt. Ich denke an kaum etwas anderes.
Quellen und weiterführende Links
Kontakt
Prof. Dr. med. Hoelscher, Michael
Direktor Institut für Infektions- und Tropenmedizin, LMU Klinikum München